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Auswandern nach Paraguay: 5 Jahre im eigenen Paradies – Ein ehrlicher Rückblick

Wer mich besucht, sieht zuerst den See. Dann die Hühner, die frei über das Grundstück laufen. Die Kaninchen. Den Obstgarten. Einen Ninja-Warrior-Parcours – nun ja, der ist noch in Planung. Aber wer hier steht und sich umsieht, ahnt kaum, wie das alles angefangen hat: mit hochgewachsenem Gras, keinem Strom, keinem Wasser und einer ganzen Menge Zweifler. Wer auswandern nach Paraguay googelt, stellt sich das wohl anders vor.

Ich bin Sebastian. Seit Ende 2019 lebe ich mit meiner Frau und unseren beiden Kindern hier in Paraguay, im El Paraíso Verde. Was ich in diesen mehr als fünf Jahren erlebt habe – die Höhen, die Rückschläge und die Anfeindungen von außen – erzähle ich euch in diesem Artikel. Und weil ein Gespräch manchmal mehr sagt als tausend Worte, könnt ihr das Interview, das den Anstoß zu diesem Artikel gegeben hat, direkt hier anschauen:

Auswandern nach Paraguay: Etwas aus dem Nichts aufbauen

Als wir Ende 2019 ankamen, haben wir zunächst für etwa elf Monate oben in Pira Tava in einem Apartment gewohnt. Die Zeit dort haben wir genutzt, um das Grundstück unten herrichten zu lassen, das Haus zu planen und schließlich bauen zu lassen. Im Oktober 2020 sind wir dann eingezogen.

Wie das Grundstück damals aussah? Genau wie das Nachbargrundstück heute – hochgewachsenes Gras, nichts weiter. Einmal abgemäht, dann die Lehmplattform bauen lassen, und los ging das Abenteuer.

Was mir damals viele Siedler gesagt haben, werde ich nicht mehr so schnell vergessen:

„Hier wächst nichts. Ihr werdet kein Wasser bekommen. Ihr werdet keinen Strom bekommen. Es wird nie einen Titel geben.“

Wir waren mittendrin in der Hausplanung, hatten zwei kleine Kinder dabei – und standen plötzlich vor der Frage: Was machen wir jetzt?

Aber ich konnte mir das schlicht nicht vorstellen. Hier ist Erde, hier ist Wasser, und die Sonne scheint fast jeden Tag. Warum soll hier nichts wachsen? Wir haben einfach angefangen. Haben Fehler gemacht, neu probiert, sind dran geblieben.

Und heute – ihr könnt es auf dem Video sehen – stehen Bäume, die vor fünf Jahren noch knicksende Stöckchen waren. Einer davon wurde sogar mal vom Wind umgeknickt, lag bei 45 Grad schief im Boden. Ich habe ihn wieder aufgestellt. Heute wackelt er keinen Millimeter mehr. So ist das mit der Natur: Sie holt sich das zurück, wenn man ihr die Chance gibt.

Auswandern nach Paraguay für ein grünes Grundstück

Strom, Flut und das große Aufatmen

Das Haus war im September 2020 fertig – aber Strom gab es noch nicht. Wir wollten einziehen, hatten alles vorbereitet, und dann: warten. Einen Monat lang. Bis die Leitung endlich lag.

Der Moment, als der Strom dann da war, ist mir bis heute unvergessen. Erwin und Sylvia kamen auf die Terrasse. Wir haben getanzt. Den Ventilator angemacht. Den Wasserhahn aufgedreht. Ja, es klingt vielleicht banal – aber wer selbst mal monatelang auf etwas Grundlegendes gewartet hat, weiß, was für ein Glücksgefühl das ist.

Eine Teil-Überflutung – und was wir daraus gelernt haben

Dann kam im Februar 2021 eine größere Überflutung. Ich stand morgens auf, sah eine leichte Überschwemmung auf dem Grundstück und dachte erst, es hatte nachts viel geregnet. Dann hörte ich dieses eigenartige Rauschen. Ich bin mit dem Motorrad rum gefahren, und außerhalb des El Paraíso Verde war die Gegend bereits richtig überflutet. Das Wasser stieg auch bei uns.

Erwin und Sylvia kamen schnell vorbei, die Architektin war dabei, es wurde der Trafo höher gestellt, kurzum Strom abgeschaltet und die Situation beobachtet. Uns wurde angeboten, für drei Tage oben in Pira Tava zu wohnen. Dann wurde vorne der Kanal geöffnet – und damit begann auch die Beflutung des Ypi-Sees, von der es übrigens ebenfalls ein Video auf YouTube gibt.

Was mich persönlich beruhigt hat: Das Wasser stieg bei uns nicht höher als unterhalb der Bodenplatte. Kein Wasser ins Haus. Drei Tage später war alles wieder trocken. Ein Schock? Ja, definitiv. Aber kein Desaster.

Ich bin damals auch runter zu einem anderen Grundstück im Süden gefahren – dort war zunächst noch nichts. Und dann, eine halbe Stunde später, paddelte der Sohn des Eigentümers mit einem Paddelboot durch sein Grundstück. Er hat gelacht. Ich auch. Man muss solche Dinge auch mit Humor nehmen können.

Danach wurde der Damm verbessert, eine Dammstraße einmal rund um das El Paraíso Verde angelegt. Beim nächsten starken Regen – als auch draußen der Fluss anstieg – haben wir bei uns nichts mehr gespürt. Völlige Sicherheit. Und das Wichtigste: Wer heute neu zu uns kommt, profitiert von diesen Erfahrungen, ohne sie selbst durchleben zu müssen.

Neuen Mangobaum in Paraguay gepflanzt

Dazulernen statt aufgeben: Holz und Solarstrom

Ich habe in Deutschland Kommunikationselektroniker gelernt. Hier in Paraguay habe ich angefangen, Holz zu bearbeiten, Möbel zu bauen, Hühner zu halten und Solarsysteme zu planen. Nicht weil ich das alles schon konnte – sondern weil ich dazugelernt habe.

Als wir ankamen, hatten wir 19 Kartons Gepäck. Keinen eigenen Container aus Deutschland. Die meisten Elektronikgeräte hatte ich vorher verkauft, weil ich dachte, in Paraguay mit dem Staub sei das sowieso nichts. Was wir zum Wohnen brauchten, habe ich selbst gebaut. YouTube hat mir dabei geholfen, wenn ich nicht weiterkam.

Mit der Zeit habe ich gemerkt: Das Haus lässt sich hier gut sauber halten. Also bin ich auch wieder mehr in die Technik eingetaucht. Aktuell baue ich meinen eigenen Batteriespeicher und installiere Solarmodule auf dem Dach – damit wir noch unabhängiger werden, auch bei Stromausfällen, die hier in Paraguay vorkommen können.

Die Kinder sind damit aufgewachsen. Morgens aufstehen, Hühner rauslassen, die Enten zum See begleiten, die den ganzen Tag frei herumlaufen – mal schwimmen sie eine Runde, mal besuchen sie unserer Terrasse, mal sind sie einfach verschwunden und tauchen irgendwann wieder auf. Was für manche ein Traum ist, ist für uns ganz normaler Alltag.

Die eigenen Hühner auf unserem Grundstück

Was von außen gesagt wird – und was wirklich stimmt

Ich möchte auch über etwas sprechen, das mich beschäftigt: die Falschinformationen, die über El Paraíso Verde und Pira Tava im Internet kursieren.

Es gab Behauptungen, hier wäre alles ständig überflutet. Als es in Asunción geregnet hat, hieß es in manchen Telegram-Chats automatisch, El Paraíso Verde sei „abgesoffen“. Ich habe damals ein Video als Gegenbeweis geteilt – und wurde gesperrt. Grund: EPV. Als Siedler hat man in bestimmten Gruppen schlicht keine Möglichkeit, Dinge richtigzustellen, weil man sofort mundtot gemacht wird.

Noch ein Thema: die Grundstückstitel. Lange hieß es, wir würden nie Titel bekommen. Das wurde in Telegram-Gruppen mit Namen wie „Betrug in Paraguay“ verbreitet – allein dieser Name assoziiert ja schon, worum es den Betreibern solcher Kanäle geht. Was ich damals sagte – dass wir als Gemeinschaft bereits einen Titel haben und der individuelle Prozess läuft – wurde verdreht und als Lüge dargestellt.

Die Realität: Seit 2024 gibt es die einzelnen Titel. Über 100 wurden bereits ausgestellt, der gesamte Bereich wurde aufgeteilt. Wir selbst haben unseren eigenen Titel. Eine Siedlerin und ich sind nach der Abholung beim Notar direkt zur Fiscalía gefahren und haben den Titel dort vorlegen lassen – weil immer wieder behauptet wurde, die Titel seien gefälscht.

Die meisten dieser Falschbehauptungen kommen von Menschen, die nie hier waren, die vielleicht irgendwo was aufgeschnappt haben und es dann interpretieren. Ich hoffe, dass die Behörden für Cyberkriminalität in Paraguay hier aktiver werden – denn nur wer mit Klarnamen arbeitet, kann auch zur Rechenschaft gezogen werden.

Bis dahin richtet die Hetze leider schon ihren Schaden an – bei Menschen, die ernsthaft nach Paraguay auswandern möchten und einfach nur ehrliche Informationen suchen.

In Paraguay kommen die Hühner auch zu Besuch in die Werkstatt
Selbst die Hühner informieren sich

Auswandern nach Paraguay – und dann?

Damals gab es keine fertigen Straßen, kein Strom, kein Wasser. Ich bin fast täglich mit dem Motorrad die neu entstehenden Straßen abgefahren, habe gesehen, wie das Straßennetz wuchs, wie die Seen gegraben wurden, wie der Ypi-See entstand. Während andere sagten, hier sei Sumpf, bin ich durch diesen Sumpf gefahren.

Paraguay ist unsere Heimat geworden. Die Kinder gehen hier zur Schule, wachsen dreisprachig auf – Spanisch und Guaraní in der Schule, Deutsch zu Hause. Für sie ist das hier ganz selbstverständlich.

Und ich? Ich stehe morgens auf, sehe den See, höre die Hühner, bastele an meinem Batteriespeicher und plane einen Ninja-Warrior-Parcours für hinten im Garten.

Wer nach Paraguay auswandern will: Es lässt sich aufbauen. Aber man muss bereit sein, auch dann anzufangen, wenn noch nicht alles fertig ist.

Habt ihr Fragen zu unserem Leben hier in Paraguay oder wollt ihr Pira Tava selbst erleben? Meldet euch gerne über unser Kontaktformular oder schreibt an . Besucher sind herzlich willkommen – bitte mit ein paar Tagen Vorlauf anmelden.

Sebastian
Sebastian

Sebastian ist im November 2019 gemeinsam mit seiner Frau und ihren beiden Kindern nach Paraguay ausgewandert. Nach einem Jahr im Apartment in Pira Tava zog die Familie in ihr eigenes Haus am Anastacia Circle im angrenzenden Siedlungsgebiet. Als Mitgestalter der Pira Tava Webseite schreibt Sebastian hier gelegentlich über Neuigkeiten und Entwicklungen aus der Gemeinschaft.

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